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Aufzeichnungen einer Reise zu den Diamantenschürfern von Koidu-Sefadu
Von Wolfram Schneider
Sierra Leone, britisches Protektorat, um 1930: „Boy, wenn du einen dieser glitzernden Steine findest, zeichne einen großen Kreis um ihn herum. Danach komm’ gleich zu mir und zeig’ mir die Stelle. Den Stein darfst du auf keinem Fall anfassen, sonst musst du sterben. In ihm sind magische Kräfte! Nur ich kann mit dieser Gefahr umgehen, glaub’ mir!“ Das sagte der „British Masta“ zu seinem einheimischen Diener, es war Anfang der 1930er Jahre, in Tongo, im Osten von Sierra Leone. Der Junge, damals um die fünfzehn, stieß tatsächlich auf einen solchen Stein: „Masta, Masta! ... “ berichtete er aufgeregt von seinem Fund. „Hast du um den Stein den Kreis gezogen!?“ fragte der. „Yes, Masta!“ – „Good boy! Nun führ’ mich dorthin!“ Er brachte ihn zu der Stelle. Sein Herr hielt ihn am Arm fest: „Vorsicht! Geh’ nicht näher ran!“ Er streifte sich einen weißen Handschuh über seine rechte Hand und hob den Stein behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger hoch: „So“, sagte er, „nun ist die Gefahr gebannt!“ Dann verschwand er mit dem geheimnisvollen Stein.
Sechzig Jahre später, in einem Dorf bei Tongo: Der „Boy“ von damals, inzwischen ein betagter Mann, erzählt diese Geschichte, die Geschichte von den Steinen, die Diamanten waren, seinem neunjährigen Nachbarsjungen Komba.

Beach-River, südlich von Freetown, Sommer 2007: Ich sitze mit Komba, meinem Freund aus Sierra Leone, am menschenleeren Strand: „Ja, so wurden wir hier damals reingelegt!“, erinnert er sich an die Worte seines greisen Nachbarn.
Komba erzählt und erzählt. Er erzählt in dem charakteristischen Creol, einem gebrochenen Englisch, gemischt mit Brocken aus einheimischen Dialekten, Mende, Kissi, Temne. Das wirkte drollig, doch was er berichtete, war keineswegs heiter. Mit dem Stecken in der Hand zeichnete er beim Sprechen Kreise auf, so wie der einstige Diamanten-Boy, der um seinen Fund betrogen worden war, es ihm gesagt und vorgeführt hatte, in Erinnerung an die Zeit, als es noch geschah, dass man in Sierra Leone die begehrten Rohedelsteine sozusagen frei auf der Erdoberfläche finden konnte.
Sonne, weißer Sand, türkisblaues Meer. Die flimmernden Partikelchen im Sand um uns herum – sind es Diamantensplitter?! Hinter uns wiegen sich in der aufkommenden Brise Palmwipfel in der hereinbrechenden Dämmerung vor der Kulisse sanft aufsteigender Hügel, bedeckt mit dem Grün des Regenwaldes: Die „Löwenberge“, „Sierra Leone“, so benannt von den im 15. Jahrhundert an der westafrikanischen Küste gelandeten Portugiesen, durch die das Land seinen späteren Namen erhielt, lange bevor die Briten hier ihre – lange nachwirkende – Herrschaft ausüben sollten. Die untergehende Sonne ließ die vorbeiziehenden Wolken aufleuchten. Das wechselnde Farbenspiel, blaugrau, grün, rosa, wirkte im warmen Schein der späten Sonnenstrahlen noch intensiver.
„Du sagst ja nichts mehr! Woran denkst du?“, fragte Komba, der mich von der Seite beobachtete. „Ich guck’ mir diese einmalige Landschaft an“, entgegnete ich: „Und ich muss über deine Erzählung nachdenken, Komba! Schön und reich ist euer Sierra Leone!“ „Ja“, meinte er: „Schönes Land, reiches Land, armes Land! Nur gut, dass sie in dieser Gegend noch keine Diamanten gefunden haben. Sonst wäre auch diese Landschaft zerstört und viele Menschen um den Besitz ihres Landes gebracht worden. Für uns, für die kleinen Leute sind die ‚Steine’ wirklich kein Segen. Ohne die Gier nach den Diamanten hätte es auch den Krieg nicht gegeben, meine Eltern starben im Krieg, ich war tagelang unterwegs, um zu entkommen. Nun ist ja glücklicherweise wieder Frieden. Doch die Jagd nach den Diamanten geht weiter. Es profitieren die, die das Geld haben, ob Einheimische oder Fremde, die sind miteinander im Bunde. Und die, die in den Diamantenfeldern die Drecksarbeit machen, kriegen einen Hungerlohn. Wenn es dich interessiert, wie es dort zugeht, ich führe dich hin?! Ich komme ja aus dieser Gegend.“
„What is your mission?“

Frühzeitig, es dämmerte kaum, begab ich mich tags darauf mit Komba zum Busbahnhof von Freetown. Unser Ziel – Koidu-Sefadu, im Osten des Landes.
Obwohl schon stundenlang im überfüllten Bus unterwegs, haben wir erst einen Bruchteil der 300 km-Strecke zurückgelegt. Die vom tropischen Dauerregen aufgeweichte lehmige Straße durch den Urwald erschwert das Weiterkommen. Da wird der Bus angehalten, schon das dritte Mal: Wieder Polizeikontrolle! Ich gehöre zu jenen, die sich immer ausweisen müssen: Der Beamte blätterte meinen Pass minutenlang misstrauisch durch: „Das Visum ist abgelaufen“, sagte er und deutete dabei auf das Ausstellungsdatum des Dokuments. Als ich ihm erklärte, dass es doch dreißig Tage gültig ist, gab er sich dennoch nicht zufrieden, blätterte weiter und wollte wissen: „What is your mission?“ „Tourist“, erwiderte ich. Nun endlich war es soweit. Komba zu mir: „Der suchte nur nach einem Grund, dir Geld abzuknöpfen. Die Korruption dieser Leute ist unerträglich.“
Im Bus sind unter den Mitreisenden inzwischen lautstarke, kontroverse politische Diskussionen entbrannt, daran beteiligen sich Männer wie Frauen überaus leidenschaftlich: Bald finden in Sierra Leone freie Präsidentschaftwahlen statt. Mehrere Kandidaten werden sich um das Amt bewerben.
Und weiter geht die Fahrt. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto häufiger sehe ich Rauchwolken aufsteigen und in den Wäldern Spuren von Brandrodungen.
Am späten Nachmittag erreichten wir Koidu-Sefadu im Distrikt Kono: Eine lange Straße führt durch den Ort, links und rechts an rauchgeschwärzten Häuserruinen vorbei. Ein zunächst tristes, bedrückendes Bild. Richtung Innenstadt wird es von dem Menschenstrom belebt, der sich in beide Richtungen wuselig vorwärts bewegt, dazwischen LKW, wie Farbtupfen sind die bunten Kleider der Frauen. Wir nähern uns dem Zentrum, vorbei am großen Markt. Das einzige unbeschädigte größere Gebäude in der Straße ist eine grüne Moschee.
Die allerorts noch sichtbaren Schäden in der Stadt sind die unverheilten Wunden, die dem Ort während des blutigen Bürgerkrieges von 1991 bis 2002 zugefügt worden waren. Wegen der reichen Diamantenvorkommen war Koidu-Sefadu die am heißesten umkämpfte Stadt. Rebellengruppen aus Sierra Leone und dem benachbarten Liberia plünderten, vergewaltigten und mordeten genauso wie später die zur Befriedung gekommenen nigerianischen ECOMOG-Bataillone, ein militärischer Zweig der ECOWAS (Westafrikanische Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit). Dabei wurden Zehntausende Erwachsene und Kinder für ihr weiteres Leben traumatisiert. Das Eingreifen britischer Truppen beendete die Kämpfe.
Vom Stadtzentrum aus, wo wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit anlangten, machten wir uns auch gleich auf die Suche nach der Herberge, die uns ein Mitreisender im Bus empfohlen hatte. Nach einigem Umherirren fanden wir die Unterkunft. Ein Nachtwächter öffnete das Tor und rief die Inhaberin herbei. Zunächst unwirsch, bot sie uns ein Zimmer zu einem recht deftigen Preis an. Nachdem ich sie aber überzeugen konnte, dass ich kein „Diamantenhai“, sondern einfach ein Reisender sei, der hier Land und Leute kennen lernen möchte, einigten wir uns. Zuletzt durfte ich ihr sogar „Mammi“ sagen. Fürsorglich warnte sie mich vor Kriminalität in den Straßen der Stadt, vor allem wenn ich mit der Kamera unterwegs sein sollte.
Obwohl müde nach der langen Fahrt, begab ich mich nochmals hinaus in das Gewirr der Straßen. Komba wollte sich lieber ausruhen.
In der Diamantenstadt

Die Hauptstraße war jetzt in das gelbliche Licht der Paraffinlampen getaucht, die auf den Tischen der zahlreichen Imbissstände aufgestellt waren. Elektrische Straßenbeleuchtung gibt es keine. An einem der Stände bestellte ich mir Kasawablätter mit Yams und einer Sauce aus gekochtem Trockenfisch. Der Stand war offenbar ein Familienbetrieb. Die junge Frau, die mich bediente, hatte in einem Tragetuch ihr Baby auf den Rücken gebunden, während ein etwa sechsjähriges Mädchen neben ihr das Geschirr in einem Eimer mit trübem Wasser spülte. Ich nahm auf der Holzbank neben dem Tisch Platz und das Kind brachte mir in einem Blechteller das Essen. Ich beobachtete das Treiben auf der kaum beleuchteten Straße. Frauen und Mädchen, allein oder in Gruppen, gingen auf und ab und wurden von Männern angesprochen. Zwei Mädchen blieben unweit von mir stehen und machten mir mit Blick und Gestik ihr unmissverständliches Angebot. Die nächtliche Straße wandelte sich zur Liebesmeile.
Tags darauf, bereits am frühen Morgen, begebe ich mich gemeinsam mit meinem Begleiter Komba in die Stadt. In der Straße mit den Imbissständen, inzwischen weggeräumt, bieten nun Händler ihre Ware, Handwerker ihre Dienstleistungen an. Schneider führen vor Ort an ihrer Nähmaschine Aufträge aus, daneben Schuster, Reifenflicker – sie alle arbeiten direkt an der Straße, unter freiem Himmel. Und man sieht auch bald, dass man sich in einer „Diamantenstadt“ befindet: Schaufeln, Hacken, Siebe, die Utensilien für die Schürfer, sind in großer Stückzahl am Straßenrand zum Verkauf ausgestellt. Zwischen ärmlichen Wellblechhütten fallen stattliche Gebäude mit riesigen Satellitenschüsseln auf, teure Geländewagen parken vor dem Eingang. Und es ist auch gar nicht schwer zu erkennen, wer hier zu Hause ist: „Diamond Exporters“, „Diamond Office“, „Diamond Buyers“ etc. heißt es auf Firmenschildern, die auf Büros hinweisen, die, wie ich erfahre, zumeist libanesischen Aufkäufern gehören, von denen manche schon seit Generationen in Koidu-Sefadu ansässig sind und dem Geschäft mit Diamanten nachgehen.
Es ist jetzt neun Uhr, die Hitze aber schon unerträglich, die Zunge klebt mir am Gaumen. Zur Erfrischung kaufe ich uns zwei Colas, lauwarm. Am benachbarten Straßenstand komme ich mit zwei jungen Männern ins Gespräch, die Radios reparieren. Ich frage sie, ob es sie noch nicht verlockt habe, nach Diamanten zu suchen. Würden sie gern machen, antwortet der eine, wenn sie 50 000 Leones hätten, umgerechnet etwa 14 Euro. Soviel würde den Schürfer die Ausrüstung – Hacke, Schaufel, Sieb – kosten. Doch es könne Monate dauern, bis man, wenn überhaupt, den ersten Fund macht. Wie aber soll man in der Zwischenzeit, ohne Einkommen, die Familie und sich erhalten, denn Geld kriegt man vom Arbeitgeber, dem Lizenzbesitzer, vorher keins. Trotzdem hoffen sie, eines Tages soviel Leones beisammen zu haben, um schürfen zu können. „Schau“, machen sie mich aufmerksam, „dort drüben auf der anderen Straßenseite, diese Villa! Sie gehört einem Afrikaner, jung, so Mitte zwanzig. Der hat Glück gehabt. Er hat Diamanten gefunden und ist reich geworden.“ Was sie täglich vor ihren Augen haben, diese protzig wirkende Villa des Neureichen, ist für sie wie eine ständige Herausforderung.
Ein Claim, gleich nebenan

Durch eine Lücke zwischen zwei Häusern – wir befinden uns noch immer auf dem Stadtgebiet – gelangen wir zu einem weitflächigen zerschrundenen Lehmgelände, eigentlich ein immenser Krater, wie ich beim Herantreten bemerke, mindestens zehn Meter tief. Soweit waren die Schürfer bei ihren Grabungen in den Boden vorgedrungen zu den diamanthaltigen Sand- und Geröllschichten. Einige der Männer stehen hüfttief in der gelblichen Brühe, dem nachdrängenden Grundwasser. Andere schaufeln gruble in die Siebe ihrer Kumpel, die das Gemenge durchschütteln und überprüfen, ob ein Rohdiamant oder wenigstens ein Splitter davon darin enthalten sei. Ich nahm meine Kamera hervor, um die Arbeit im Claim festzuhalten. Plötzlich war ich von einer Schar aufgebrachter Leute umringt. Einer kam mit Drohgebärden auf mich zu, wollte mir den Fotoapparat entreißen. Ich wehrte mich, und sie brachten mich schließlich zu Tamba Sahr, dem „bossman“ der Gruppe: Es stellte sich heraus, dass sie mich für einen Spion hielten, der im Auftrag einer ausländischen Minengesellschaft das Terrain auskundschaften soll. Sie befürchteten, andere Unternehmen könnten zum Nachteil der gegenwärtigen Schürfer Konzessionen erwerben. Doch es gelang mir, ihnen klar zu machen, dass ich mit keiner bösen Absicht gekommen sei: Aus der Konfrontation wurde schließlich ein freundschaftliches Gespräch, und ich erhielt sogar die Erlaubnis, die Schürfarbeiten aus der Nähe zu beobachten. Ich wurde Zeuge, wie an einem der Siebe ein, wenn auch nur bescheidenes Fundstück gemeldet wurde. Überaus harte Arbeit, viel Geduld und Beharrungsvermögen sind erforderlich, um einen befriedigenden Ertrag zu erzielen! Einer der Schürfer nahm mich unauffällig beiseite: Für die Beschaffung eines „europäischen Visums“ bot er mir, so er ihn finden würde, einen 5karätigen Diamanten an: „Ich möchte nur weg, hier ist die Hölle!“ Schier grenzenlos war sein Staunen, als er erfuhr, dass ich nicht gekommen sei, um Diamanten zu kaufen.
Komba und ich machten uns auf den Rückweg, einige der Diamantenwäscher schlossen sich an. Der Weg führte an Ruinen vorbei, sie waren bewohnt – Notunterkünfte. Auf einer Leine hing bunte Wäsche. „Opoto, opoto !“ – rief ein kleines Mädchen und winkte mir zu: „Opoto“, so werden die Weißen im dortigen Kissi-Dialekt genannt. Sari, einer unserer Begleiter, lebte hier mit einigen seiner Kumpel: Über dem Kopf haben sie ein Wellblechdach. Vier Personen teilen sich die provisorische Unterkunft. Für ihren Lebensunterhalt kommt ein libanesischer Diamantenhändler auf. Im Gegenzug verpflichten sie sich, ihre Funde an ihn zu verkaufen, freilich erhalten sie nur einen geringen Bruchteil dessen, was die Agenten dafür auf dem Weltmarkt erzielen.
Während ich mich noch mit den Leuten unterhielt und die trostlosen Behausungen fotografierte, kam von der anderen Straßenseite ein junger Mann auf mich zu und sprach mich an. Auch er richtete die auf dieser Reise schon so oft gehörte Frage „What is your mission?!“ an mich. So lernte ich Ibrahim Tamba Faday kennen, Journalist und Gründer der „Affected Mining Land Owners Association“, einer Vereinigung, die sich für die Rechte der von Minengesellschaften geschädigten Landbesitzer einsetzt. In mir, der die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schürfer fotografisch dokumentierte, sah er offenbar einen möglichen Verbündeten, informierte mich detailliert über seine Organisation und lud mich ein, gemeinsam das abgelegene Schürfgebiet der „Sierra Leone Diamond Company“ (SLDC) im Kono-Bezirk aufzusuchen.
Geraubt und entheiligt

Tags darauf sind wir unterwegs dorthin. Ein mit zwölf Personen völlig überladenes Buschtaxi bringt uns, den Journalisten, Komba und mich, in die Nähe der Mine. Zu Fuß erreichen wir die kleine Ansiedlung Nimiyama. Ibrahim Tamba, der hier bekannt ist, begrüßt einen der Bewohner, der auch Opfer der Landenteignungen geworden ist. Dieser erzählt: „Das Gebiet, unsere Felder und der Gemeindebesitz, wurde von der SLDC beschlagnahmt. Wer sich weigerte, das Land und die Wohnstätten dort zu verlassen, wurde dazu genötigt: Sie hatten bewaffnete Leute dabei, die aus anderen Distrikten stammten. Die von der Gesellschaft versprachen, uns zu entschädigen. Doch bis heute hat sich nichts getan. Wir leben nun schon fast zwei Jahre in selbstgebauten Notunterkünften, haben unseren Boden verloren, unsere Existenzgrundlage, denn wir sind Bauern. Der Fluss, der Baffin-River, von wo unser Trinkwasser kam, in dem wir fischten, ist völlig verschlammt und vergiftet. ... “
Während wir zum Fluss gehen, sehen wir die breite Spur der Vernichtung, die Kettenfahrzeuge durch das angrenzende Waldstück gezogen haben. Wir folgen dieser Schneise bis zum Fluss. Pflöcke mit roten Fähnchen markieren ringsum das von der Gesellschaft geraubte Land. Der Betroffene berichtete: „Plötzlich war die SLDC mit Raupenfahrzeugen da. Ohne Rücksicht wurde das Umland flachgewalzt. Der Initiationsplatz, die Opferstätte für die Geister der Ahnen, der Palaverplatz des Ältestenrates, alles zerstört und entweiht.“
Am gegenüberliegenden Ufer sieht man riesige Schaufelbagger sich tief in den Boden graben. Durch zwei Rohre wird gelbliches Wasser in den Fluss abgeleitet. Ein Ruderboot näherte sich dem Ufer, an dem wir standen. Eine Familie steigt aus, mehrere Kinder sind dabei, sie husten unaufhörlich. Ibrahim Tamaba von der „Land Owners Association“: „Das hat mit dem verunreinigten Trinkwasser zu tun. Die Chemikalien, die beim Diamantenabbau, bei den Sprengungen zum Beispiel, eingesetzt werden, haben den Fluss wie auch das Grundwasser verseucht. Abgefülltes Trinkwasser können sich die Leute hier nicht leisten. Sie sind mehr als arm. Die Minengesellschaft zahlt den Schürfern etwa 1 US-Dollar pro Tag. Das ist fast der Preis für eine Flasche Wasser. So ist es um uns bestellt. Dabei ist die Region das Rückgrat der Wirtschaft des Landes. Jahr für Jahr werden hier 2 Millionen Karat Diamanten gefördert. Kono ist der reichste und gleichzeitig ärmste Distrikt Sierra Leones. Es gibt keine Infrastruktur, kaum asphaltierte Straßen, es gibt keine Strom- und Wasserversorgung, die Analphabetenrate mit 70%, die Säuglings- und Kindersterblichkeit sind nirgends so hoch. Und die Regierung tut nichts dagegen. Das Hauptquartier der „Sierra Leone Diamond Company“ befindet sich in London. In der Region gehören die durch die Gesellschaft um ihr Land gebrachten Bauern, um die sich meine Organisation kümmert, zu den Schutzbedürftigsten.“
Ein Handschlag oder Tamba gibt nicht auf

Auf der Rückfahrt nach Koidu-Sefadu versperrt uns eine große Menschenkolonne den Weg. Die Leute tragen Spruchbänder mit sich, rufen Losungen, lassen Trommeln ertönen, sie tanzen, singen, gebärden sich ausgelassen. Sie ziehen in die Stadt, wo im örtlichen Stadion eine Wahlkundgebung stattfinden soll. Die Erkennungsfarbe der Demonstranten, denen wir begegnen, ist rot, sie unterstützen den Präsidentschaftskandidaten der Oppositionspartei „All People’s Congress“ (APC). Parteileader Ernest Bai Koroma zählt zu den populärsten Anwärtern. Er verspricht von der Regierung Kabbah bisher verhinderte demokratische Reformen, Beteiligung der Einwohner am Reichtum und am wirtschaftlichen Aufschwung der Region, Krankenhäuser, Schulen, Straßen sollen gebaut werden. Die Menschen jubeln dem Redner zu. Ob sie ihm auch wirklich Glauben schenken?! Sie können es sich nicht leisten, die Hoffnung aufzugeben.
Nicht lange danach fiel die Entscheidung: Seit dem 17. September heißt der neue Präsident des Landes Ernest Bai Koroma. Wird er sich als Hoffnungsträger bewähren?
Tamba, der Aktivist der landberaubten Bauern, fühlt sich in der neuen Situation keineswegs aus seiner Verantwortung entlassen. Er hofft, den Entrechteten nun wirksamer helfen zu können. Er ist viel unterwegs und verfolgt aufmerksam die Geschehnisse und Entwicklungen vor Ort. Jede Information ist ihm wichtig. Immer wieder klingelt sein Handy. Und das Netzwerk, das er geschaffen hat, möchte er weiter ausbauen. „Ich gebe nicht auf!“, sagte er noch, als wir uns auf dem Marktplatz in Koidu von einander trennen: „Und erzähle weiter, was du hier gesehen hast!“ Handschlag.
Noch einmal sitze ich am menschenleeren Strand bei Freetown und beobachte das spektakuläre Farbenspiel des Sonnenuntergangs an der Bucht, Lomly Beach. Ein UN-Helikopter setzt kurz vor Einbruch der Dunkelheit am nahe gelegenen UN-Hauptquartier zur Landung an.
Neben mir Komba: „Hast du dich überzeugt, die Diamanten bei uns, die haben tatsächlich ‚magische’ Kräfte!“ Fragend hob er die Augenbrauen, dann zeichnete er um einen der im Sand herumliegenden Steine einen Kreis. Mir fielen dabei die Bauern in Kono ein, wie sie verzweifelt an den Markierungen um ihrer Felder standen, von denen sie vertrieben worden waren, der Diamanten wegen. Und der beherzte unnachgiebige Tamba, der sich um ihre Lage kümmert.
Als wir uns vom Strand entfernten, blickte ich noch einmal zurück: Welle um Welle löschte die herankommende Flut den Kreis um den Stein.
Wolfram Schneider, 32, freiberuflicher Fotograf und Diareferent, lebt in München. Dokumentationreisen führten ihn durch über zwanzig Länder Afrikas.

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